Da hängt sie also. Die grüne Bluse, die im Laden eine ausgesprochen gute Idee war. Zu Hause wartet sie seit Wochen auf ihren großen Auftritt. Du ziehst sie gelegentlich an, schaust in den Spiegel und greifst dann zum weißen Hemd. Das weiße Hemd kennt sich aus. Es stellt keine Fragen.
Vielleicht fehlt der Bluse einfach eine passende Hose. Vielleicht ist ihr Grün zu leuchtend für deinen Geschmack. Vielleicht magst du die Farbe sehr, aber den steifen Kragen überhaupt nicht. Es lohnt sich, das auseinanderzuhalten, bevor du beschließt, dass Farbe grundsätzlich nichts für dich ist.
Denn zwischen einem Kleiderschrank in Schwarz-Weiß und einem Auftritt als wandelnder Obstkorb liegt ziemlich viel Platz. Dort könnte dein nächstes Lieblingsoutfit hängen.
01Ein vertrauter Look, ein neuer Ton
Der einfachste Einstieg beginnt bei einer Kombination, die du regelmäßig trägst. Jeans, Shirt, Strickjacke zum Beispiel. Tausche ein einziges Teil gegen eine farbige Variante aus. Der Schnitt, die Schuhe und die Proportionen bleiben vertraut; du kannst dich ganz darauf konzentrieren, ob dir der neue Ton gefällt.
Zu dunkelblauen Jeans und einem weißen Shirt könntest du eine himbeerrote Strickjacke probieren. Zur anthrazitfarbenen Stoffhose ein hellblaues Hemd. Zum braunen Rock einen fliederfarbenen Pullover. Das sind Vorschläge zum Anprobieren, keine Farbpaarungen mit Erfolgsgarantie.
Accessoires eignen sich ebenfalls, wenn du zunächst eine kleine Fläche verändern möchtest: grüne Socken unter einer umgeschlagenen Jeans, ein buntes Tuch am Taschenhenkel, rote flache Schuhe. Entscheidend ist, dass du das Accessoire tatsächlich benutzt. Wer Tücher schon immer nach zehn Minuten abnimmt, braucht für dieses Experiment vermutlich kein weiteres Tuch.
02Grün ist nicht gleich Grün
Zwischen Salbei, Petrol, Oliv und einem fast gelben Limettengrün liegen erhebliche Unterschiede. Wenn dir ein einzelner Grünton nicht gefällt, hast du damit noch lange nicht die ganze Farbfamilie ausprobiert.
Beim Vergleichen helfen drei Fragen: Ist der Ton hell oder dunkel? Leuchtet er kräftig oder wirkt er gedämpft? Geht er eher in eine gelbliche oder bläuliche Richtung? Dafür musst du die Begriffe nicht auswendig lernen. Zwei Kleidungsstücke nebeneinander machen den Unterschied meist anschaulicher als jede Beschreibung im Onlineshop.
Hinzu kommt die Umgebung. Der Künstler und Lehrer Josef Albers untersuchte in seinem 1963 erschienenen Werk Interaction of Color, wie stark benachbarte Farben unsere Wahrnehmung beeinflussen. Sein Unterricht setzte auf das genaue Beobachten und Vergleichen konkreter Kombinationen. Josef & Anni Albers Foundation
Fürs Anziehen lässt sich daraus eine hilfreiche Idee ableiten: Beurteile die grüne Bluse zusammen mit verschiedenen Teilen. Leg sie erst neben eine schwarze Hose, dann neben blaue Jeans und schließlich neben etwas Cremefarbenes. Vielleicht gefällt dir erst die dritte Kombination. Die Bluse ist dieselbe geblieben; ihr Umfeld hat sich verändert.
03Drei Ausgangspunkte fürs Kombinieren
Wenn du vor mehreren farbigen Teilen stehst und nicht weiterweißt, helfen diese drei Ausgangspunkte. Du kannst sie mit Kleidung testen, die bereits im Schrank liegt.
Eine Farbe auf vertrauter Basis. Eine rote Strickjacke zu Jeans und grauem Shirt ist ein unkomplizierter Anfang. Wie präsent das Rot wirkt, kannst du schon dadurch verändern, dass du die Jacke offen oder geschlossen trägst. Auch Dunkelblau, Braun und Creme bieten sich als Begleiter an. Es muss nicht automatisch Schwarz sein.
Eine Farbfamilie in unterschiedlichen Abstufungen. Ein hellblaues Hemd, mittelblaue Jeans und eine dunkelblaue Jacke ergeben bereits ein farbiges Outfit. Die Teile müssen dafür nicht exakt denselben Ton treffen. Versuch es mit einem erkennbaren Unterschied zwischen hell und dunkel, wenn zwei beinahe gleiche Nuancen für dich unentschieden aussehen.
Zwei Farben, unterschiedlich verteilt. Rosa und Weinrot, Blau und Orange oder Oliv und Flieder können reizvolle Kombinationen sein. Beginne beispielsweise mit einem olivfarbenen Kleid und einer kleinen fliederfarbenen Tasche. Wenn dir das gefällt, probiere beim nächsten Mal mehr Flieder aus. Wie viel Fläche eine Farbe einnimmt, ist eine einfache Stellschraube beim Styling.
Muster können dir die Auswahl abnehmen. Enthält dein gemusterter Rock Blau, Creme und Rostrot, greife für das Oberteil einen dieser Töne auf. So hast du einen konkreten Anhaltspunkt, ohne erst den ganzen Kleiderschrank aufs Bett legen zu müssen.
04Schau dir Farbe im richtigen Licht an
Ein Kleidungsstück kann unter Ladenbeleuchtung anders aussehen als draußen. Der Einfluss der Lichtquelle ist in der professionellen Farbbeurteilung ein wichtiges Thema. Es gibt sogar einen Fachbegriff für den Fall, dass zwei Farben unter einem Licht übereinstimmen und unter einem anderen auseinanderlaufen: Metamerie. Der Farbmesstechnik-Anbieter X-Rite erläutert dieses Phänomen anhand verschiedener Beleuchtungssituationen. X-Rite: Was ist Metamerie?
Für deine Anprobe genügt ein praktischer Schluss: Schau dir eine neue Kombination möglichst auch bei Tageslicht an. Trägst du sie hauptsächlich abends, lohnt sich zusätzlich der Blick unter deiner üblichen Innenbeleuchtung. Besonders dann, wenn du zwei separat gekaufte Teile im vermeintlich identischen Farbton zusammenbringen möchtest.
Halte Oberteile zunächst ans Gesicht und probiere sie anschließend vollständig an. Gefällt dir der Ton? Fühlst du dich darin wohl? Passt er zu den übrigen Kleidungsstücken? Ein Spiegelbild muss dabei keine Prüfung auf maximale Frische bestehen. Und wenn dir ein kräftiges Gelb als Oberteil zu viel ist, darf es trotzdem als Rock oder Schuh in deinem Outfit vorkommen.
05Es liegt nicht immer an der Farbe
Eine pinke Bluse mit Schleife, Puffärmeln und Glanz bringt gleich mehrere auffällige Eigenschaften mit. Wenn du sonst schlichte Hemden trägst, lässt sich bei der Anprobe kaum sagen, welcher Teil dich eigentlich irritiert.
Probiere dieselbe Farbrichtung deshalb einmal in einer vertrauten Form: als gerades Baumwollhemd, schlichtes T-Shirt oder weichen Pullover. Achte auch auf die Oberfläche. Ein glänzender Stoff, flauschiger Strick und gewaschener Denim geben einem Outfit jeweils einen anderen Charakter.
Das hilft besonders bei Farben, mit denen du eine feste Vorstellung verbindest. Rosa etwa muss weder romantisch noch niedlich wirken. Die Ausstellung Pink: The History of a Punk, Pretty, Powerful Color am Museum at FIT zeigte anhand historischer und moderner Kleidung, wie unterschiedlich Rosa kulturell verwendet und gedeutet wurde – unter anderem in aristokratischer Mode, Punk und politischen Protesten. The Museum at FIT
Ein rosa Hemd zur weiten dunkelgrauen Hose erzählt jedenfalls eine andere Geschichte als ein rosa Kleid mit Volants. Welche davon dir gefällt, findest du beim Anziehen heraus.
06Passt das Teil in deinen Alltag?
Bevor du etwas Neues kaufst, stell dir einen gewöhnlichen Tag darin vor. Kommst du damit bequem zur Arbeit? Passt deine Jacke darüber? Hast du Schuhe dazu, in denen du auch den Weg von der Haltestelle schaffst?
Überlege dir außerdem zwei oder drei Kombinationen mit vorhandenen Sachen. Ein farbiger Pullover, den du zur Bürohose, zur Jeans und zum Lieblingsrock tragen möchtest, hat konkrete Einsatzmöglichkeiten. Braucht er zuerst eine neue Hose, andere Schuhe und eine Tasche, wird aus dem vermeintlichen Schnäppchen schnell ein Gruppenprojekt.
Falls möglich, nimm zur Anprobe ein Kleidungsstück mit, zu dem der Neukauf passen soll. Beim Ausprobieren zu Hause kannst du dir gelungene Kombinationen fotografieren. Die Bilder dienen als Gedächtnisstütze für morgens; die genaue Farbe beurteilst du besser am Stoff als am Display.
Und gib einem ungewohnten Outfit etwas Zeit. Trag es beim Kaffeetrinken, auf einem Spaziergang oder zu einem Treffen, bei dem du dich wohlfühlst. Du merkst dabei mehr über seine Alltagstauglichkeit als in drei Minuten vor dem Spiegel. Wenn du dich weiter darin verkleidet fühlst, darfst du es lassen. Auch ein schöner Farbton verpflichtet zu nichts.
Für morgen reicht ein kleiner Versuch: Hol die grüne Bluse aus dem Schrank. Leg die Jeans dazu, die du ohnehin am liebsten trägst, und probier beides zusammen an. Vielleicht fehlt nur ein offener Ärmelknopf. Vielleicht gefällt dir ein anderes Grün besser. Das weiße Hemd kann so lange kurz Pause machen.
Mehr zum Thema: Die verlinkten Quellen vertiefen die Hintergründe zu Farbwahrnehmung, Licht und Modegeschichte.




